Kindern beten erklären

Als Marie geboren wurde, habe ich mich an die Gebete aus meiner eigenen Kindheit erinnert und an das gute Gefühl, wenn meine Mutter abends mit mir gebetet oder ein Lied gesungen hat", sagt Bettina Schuster...

Es ist vor allem diese Erfahrung von Geborgenheit, die sie ihrer Tochter Marie nicht vorenthalten will. Gemeinsam mit ihrem Mann Arndt möchte sie den Faden des Gebets wieder aufnehmen, der irgendwann im Erwachsenen-Alter bei ihnen gerissen war.

Maries Eltern haben allerdings etliche Fragen zum Thema Beten. Etwa die, wann wohl der geeignete Zeitpunkt ist, damit zu beginnen. Martina Liebendörfer, Fachfrau für kirchliche Krabbelgruppen-Arbeit, rät: "Fangen Sie sofort an." Denn beim Gebet mit kleinen Kindern geht es aus ihrer Sicht nicht zuerst um das Verstehen, sondern um das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen. Ein Segenswort am Bett des Säuglings oder eine abendliche Liedstrophe von "Weißt du wie viel Sternlein stehen" reicht aus ihrer Sicht schon aus. "Warum nicht eine Strophe singen statt die Spieluhr aufziehen?", regt sie an.

Sollten Eltern später - wenn Kinder dann alt genug sind, um auch den Wortsinn zu verstehen - auf vorformulierte Gebete zurückgreifen oder selbst Worte finden? Für Martina Liebendörfer liegt der Vorteil eines frei formulierten Gebets darin, dass aktuelle Ereignisse, das Erleben des Tages und die Alltagswelt des Kindes aufgenommen werden können.

Achtlos formulierte Gebete können verwirren

Solches Beten erfordert allerdings von Anfang an Achtsamkeit. Schließlich kann es sein, dass beispielsweise die Oma trotz Gebet nicht mehr gesund wird. Damit sich nicht ein Gottesbild verfestigt, in dem Gott ein "Macher" ist, der nach Gutdünken leben und sterben lässt, ist ein Stil des Gebets hilfreich, der etwa so klingen könnte: "Gott, du weißt, dass Oma krank ist. Wir wünschen uns, dass es ihr besser geht. Sei ganz nah bei ihr. Du kannst sie trösten und uns auch."

Auch für das Beten mit vorgegebenen Worten spricht nach Liebendörfers Ansicht einiges. Die stete Wiederkehr und das Versmaß in vorformulierten Gebeten oder Liedern machen es schon Zwei- bis Dreijährigen leicht, Gebetsworte oder Liedstrophen als "Lebensschatz" auswendig zu lernen. Gebete, die dazu geeignet sind, Kinder zu disziplinieren oder ein angstmachendes Gottesbild zu vermitteln, lehnt die Expertin strikt ab. Ein kritischer Blick auf weit verbreitete Gebete lohnt: Maries Mutter Bettina jedenfalls will das Gebet, das sie aus ihren eigenen Kindertagen kennt, nicht mehr sprechen. Ihre Tochter soll "Ich bin klein, mein Herz mach rein. / Soll niemand drin wohnen als Jesus allein" nicht lernen. "Wieso soll in Maries Kinderherz nicht Platz für Menschen sein, die ihr lieb sind?", begründet sie ihre kritische Haltung.

"Kompetenz fürs Leben"

Für Albert Biesinger, Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen, ist Beten in jeglicher Form "eine Kompetenz fürs Leben". Wer beten kann, kann sich Gott als der Herkunft des eigenen Lebens und der Zukunft des eigenen Lebens über den Tod hinaus anvertrauen. Wichtig ist ihm, dass Eltern nicht nur stellvertretend für ihre Kinder Gebetsworte finden, sondern dass sie ihnen Raum lassen, selbst zu formulieren. So können Kinder lernen und erleben: Ich kann vor Gott aussprechen, was mich bewegt, erfreut, bekümmert.

Aber auch überlieferte Gebetsworte wie das Vaterunser will Biesinger schon Kindern zumuten. Gebete und Lieder dürfen aus seiner Sicht über den aktuellen Verstehenshorizont des Kindes hinausgehen. Denn selbst kaum ein Erwachsener könne von sich sagen, er habe das Vaterunser zutiefst begriffen. Kinder haben Biesingers Beobachtung nach "grundsätzlich Freude daran, über sich selbst hinauszuwachsen". Stets seien sie darauf aus, mehr auszuprobieren als das, was sie gerade können.

Gebete zum Ritual werden lassen

Weil religiöse Erziehung Rituale braucht, sollte auch ein Tischgebet nicht fehlen. Denn es kann Dankbarkeit und Achtsamkeit wachsen lassen. Gerne erinnert sich Albert Biesinger dabei an den "Renner" unter den Tischgebeten bei seinen eigenen Kindern: "Jedes Tierlein hat sein Essen, / jedes Blümlein trinkt von Dir. / Hast auch uns hier nicht vergessen, / lieber Gott, wir danken Dir!" Damit Kinder aus solch kindlich formuliertem Gebet beim Älterwerden nicht einfach herauswachsen, ist es gut, schon früh auch andere Gebete einzuführen. Mit "Alle guten Gaben, / alles was wir haben, / kommt, guter Gott, von dir. / Wir danken dir dafür" können Kleine und Große gleichermaßen älter werden.

Ein abendliches gemeinsames Lied, ein Gespräch über das, was schön oder schwer war, ein frei formuliertes Gebet oder eine Auswahl verschiedener "fester" Gebete oder Lieder kann in Kindern das Gefühl von Stetigkeit, Geborgenheit und Vertrauen wecken, das bis in tiefe seelische Schichten reicht. Wenn Kinder älter werden und das Abendritual entfällt, kann bis dahin der Grundstein dafür gelegt sein, dass sie selbst Worte des Gebets finden. Mehr als ein Fundament können Eltern allerdings nicht legen: Ob ihre Kinder später darauf aufbauen, bleibt ihnen selbst überlassen. Aber Eltern können ein Fenster für das öffnen, was über die sichtbare Welt hinausgeht.

Von Karin Vorländer (KNA)
© KNA

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